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Jugendliche und Schulden

Wenn Jugendliche sich verschulden

von Joachim Niering, Dipl.-Pädagoge


Wenn hier von Jugendlichen die Sprache ist, dann sind vor allem die jungen Erwachsenen gemeint, die geschäftsfähig sind, also zum Beispiel auch vollumfänglich Kredite aller Art in Anspruch nehmen können, so sie ihnen denn gewährt werden, sich also verschulden dürfen.

Jugendliche stehen soziologisch gesehen an einer Schwelle des Erwachsenwerdens, letzte Wegbereiter zu diesem Eintritt sind die Ablösung von Eltern und Erziehungsberechtigten, die Vorstellung einer erwachsenen Zukunft mit einem Beziehungspartner, möglicherweise Kinder, ein eigener Haushalt, die Berufsfindung, der Eintritt in das Vollerwerbsleben, um nur einige zu nennen.

Einige der Notwendigkeiten dieser Planung sind Anschaffungen, das Eingehen von Verbindlichkeiten für einen längeren Zeitraum, was einer gewissen Planungssicherheit bedarf. Hat der Jugendliche ein Einkommen, wird es ihm leicht gemacht, zu glauben, diese Planungssicherheit sei quasi wegen des aktuellen Einkommens gegeben.

Da Jugendliche noch sehr vom Vertrauen geprägt sind, das ihnen viele Wegbegleiter bis hierher gezeigt haben, sind sie anders als ältere Menschen nicht so sehr von Skepsis, Misstrauen und Vorsicht geprägt.

Die natürliche Entwicklung des Menschen sieht auch vor, dass der junge Mensch in diesem Alter eher unvoreingenommen und nicht so sehr vorbelastet an Dinge herangeht. Würde es anders sein, wären wohl die Geburtenraten in Deutschland noch niedriger, die Familiengründungen weniger, die mutigen Entscheidungen junger Selbstständiger würden vielleicht noch mehr abnehmen und vieles mehr. Nein, die junge Generation wird dafür gelobt, dass sie der Motor gesellschaftlicher Entwicklung ist, wenn sie mit Optimismus und Tatendrang an die Gestaltung ihres Lebens herangeht.

Dieses zunächst positiv zu sehende visionäre Denken und Fühlen Jugendlicher stösst nun auf eine Vielzahl von Angeboten, die solche Visionen auch umzusetzen erleichtern: eine eigene neue Wohnungseinrichtung, ein eigenes Auto, die wichtigsten elektronischen Kommunikationsmittel, Umzüge, Eigentumswohnungen, Ausstattungen aller Art, die das Erwachsenwerden zu beschleunigen scheinen und – so wird es berechnet – mit der Bonität des regelmässig unterstellten laufenden Einkommens realisiert werden können.

Eine Vielzahl von Anbietern solcher Beschleunigungsillusionen teilt sich den Markt der Jugendlichen untereinander auf; jeder Anbieter wird versuchen, ein möglichst grosses Stück des Kuchens mit Finanzierungen aller Art auszureizen. So kommt es schnell zu Überschneidungen, die keinem wirklichen Schutz unterliegen und es kommt zu nicht vorhersehbaren Folgeerscheinungen und -wirkungen:

Wer ahnt schon, dass sich hinter einer 0 % - Finanzierung eines grossen Elektronikfachhandels eine jedes mögliche Kreditlimit ausreizende private Finanzierungsbank verbirgt, die in der Folge mit immer neuen Aufstockungsangeboten alles daran setzen wird, das grösste Stück des Verteilungskuchens zu erhalten.

Es werden Kredite bis zum absoluten Limit erweitert, Versicherungen abgeschlossen für Arbeitslosigkeit und Tod mit fast immer völlig überteuerten Prämien, die die Bank ihrerseits nutzt, um sich selber bezogen auf den gesamten Kredit rückzuversichern. Das Geschäft für die Bank ist nach relativ kurzer Zeit gelaufen und vollständig finanziert, die Schulden kaum minimiert, die Belastung bei kleinster unvorhergesehener Veränderung der Lebensumstände nicht mehr haltbar.

Am Ende steht die Überschuldung und die Zahlungsunfähigkeit, über die niemand verhandeln will, und wenn, dann wohl wissend, dass es sich dabei nur noch um den Wettbewerb zu anderen handeln kann, wer bekommt auch noch obendrein ein Loch gestopft, obwohl nichts mehr da ist, um etwas zu stopfen.

Der Jugendliche wird sich im Vertrauen, das er so geliebt hatte, noch einmal an die wenden, die ihm immer vertraut hatten, denen er auch immer vertraut hat. Schon lange ist dies nicht mehr der Ansprechpartner der Bank; es wird dort inzwischen jemand sein, dessen Namen er nicht einmal mehr kennt, der in einer  ganz anderen Stadt aus einer ganz anderen Abteilung der Bank heraus agiert.

Verwandte, Freunde helfen vielleicht deshalb vielleicht auch noch mal, weil sie spüren, dass der Jugendliche gerade dabei ist, all seine Träume aufzugeben, die er einmal so selbstbewusst formuliert hatte. Das wollen sie nicht, und sie denken, vielleicht kann man ja mit Geld noch mal helfen, aber die Situation dreht sich im Kreis: die Hilfe reicht nicht, gutes Geld wird schlechtem hinterher geworfen, längst ist es nicht ein Loch, sondern viele, lange hatte sich der Jugendliche etwas vorgemacht, was seine tatsächliche Überschuldung anbelangt.

In der Folge fühlt er sich alles andere als erwachsen geworden, er glaubt, dass er wohl doch noch nicht taugt für diese Welt der Erwachsenen. Wo ist der Verkäufer, der ihm den Kauf des Computers, der Couchgarnitur, des Schlafzimmers, des Handyvertrages, des Familien-Wagens so sehr empfohlen hatte? Ersetzt waren sie inzwischen durch Mahnabteilungen anonymer, gesichtsloser Menschen, Standard-Schreiben von Inkasso-Unternehmen, die man nicht erreichen kann.

Mahnbescheide, Drohungen, Vollstreckungen stehen bevor. Er hatte sich so auf diese Welt gefreut, jetzt kann er ihr nichts Gutes mehr abgewinnen. Er beginnt zu zweifeln, ob diese erwachsene Welt seine ist, die er sich gewünscht hatte, und schlimmer, er fängt an zu glauben, nur er sei es, der in diese Welt nicht gehöre.

An dieser Stelle passiert etwas sehr schlechtes, von der natürlichen Idee des Erwachsen-Werdens vollkommen konträres, der junge Mensch will zurück, nicht nach vorne, er sehnt sich nach Geborgenheit, Sicherheit, er will damit nicht alleine sein.

An dieser Stelle gibt es nur eine Sache, die gerade eben noch positiv zu bewerten ist: gemessen an dem zu erwartenden gesamten Leben dieses jungen Menschen, ist er noch relativ früh mit dieser Erfahrung konfrontiert. Er kann noch einmal von vorne anfangen, auch seine materielle Grundlage des Lebens neu zu organisieren, aus den Beschleunigungsverlockungen lernen, und er kann in angemessener Zeit schuldenfrei werden und neu beginnen. In dieser Zwischenzeit wird er viel Gelegenheit haben, eine redliche Art des Umgangs mit Geld zu üben, dies wird belohnt werden, wenn es ihm gelingt. Und dann wird ihm hoffentlich ein solches Erleben für alle zeit seines Lebens erspart bleiben.

Eine Chance, der Überschuldung auch rechtlich zu begegnen, gilt nämlich für alle Erwachsenen in Deutschland, also auch für die noch recht jungen: das Insolvenzrecht mit seinen Möglichkeiten, der Überschuldung so entgegen zu wirken, dass sie ein Ende haben wird und den noch jungen Menschen nicht etwa ein Leben lang verfolgt, ihn dadurch retten kann und ermöglicht, doch noch, wenn auch etwas verspätet, aber mit einer wichtigen Erfahrung für die erwachsene Welt, den Weg in diese Welt zu gehen.

Unsere Aufgabe der reiferen Erwachsenen ist es, den jungen Erwachsenen dabei zu helfen.

[Joachim Niering, Dipl.-Pädagoge und langjähriger Unternehmensberater in Krefeld Kooperationspartner der Initiative Insolvenz Vitovec]

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